Wertschätzung mit Mini-Lohn

erschienen in: Der Sonntag vom 24. Februar 2008
von Andreas Roth

Auf dem Wandkalender in Enrico Pauls Büro steht ein Psalm: »Der Herr ist mein Hirte. Er führt mich auf rechter Straße.« Jeden Tag kann Enrico Paul ihn lesen. 1000 Mitarbeiter, 21 Millionen Euro Umsatz im Jahr: Das ist sein Unternehmen. Es heißt »IC Team«, sitzt in Bautzen und verleiht Arbeitskräfte an Firmen. Enrico Paul weiß, was die Kunden wollen: Möglichst billige Arbeitskräfte, die möglichst von heute auf morgen wieder verschwinden können.
Flexibilisierung, Wettbewerbsdruck, die Konkurrenz wartet schon in Rumänien. »Der Herr ist mein Hirte«. Enrico Paul sieht von seinem Laptop auf: Aber wo ist die rechte Straße? Ihren christlichen Glauben, da ist sich Enrico Paul mit seinem Geschäftspartner Jörg Beutel einig, wollen sie nicht an der Tür ihrer Firma abgeben. Sie wollen ihn leben, auch als Unternehmer.
Nicht vordergründig, denn die satte Selbstgewissheit vieler Wirtschaftsführer fehlt dem jungenhaft wirkenden Enrico Paul. Aber auf jeder Visitenkarte ist das Leitbild seiner Firma abgedruckt: Wertschätzung und Fairness gegenüber Kollegen und Kunden stehen ganz oben. »Dass Mitarbeiter Fehler machen ist für mich kein Problem, wenn die Leute daran persönlich wachsen«, sagt Enrico Paul. »Das ist es mir dann auch wert, Geld zu verlieren. Denn jeder hat eine zweite Chance verdient. Wir bekommen sie ja selbst jeden Tag von Christus.« Nicht jeder versteht das in der Firma.
Aber gerade das macht für den Theologieprofessor Wolfgang Nethöfel, Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialethik in Marburg, einen christlichen Unternehmer aus: »Indem er den anderen so annimmt, wie er ist, befreit er dessen beste Kräfte. Die Rechtfertigungslehre ist hier ganz praktisch.« Nethöfel verweist auf die Gleichnisse Jesu: »Man führt nicht, indem man sich gegen andere durchsetzt, sondern dienend.«
Die innere Gelassenheit für diese Haltung findet Enrico Paul auch in stürmischen Zeiten in seinem Glauben: »Denn ich fühle mich getragen von Gott«. Darüber, wie der Glaube auch die Philosophie einer Firma bestimmen kann, diskutieren vom 22. bis 24. Februar mehr als 200 christliche Unternehmer auf dem Kongress »Made in Sachsen« in Burgstädt bei Chemnitz. Auch um die Krisen und Konflikte im unternehmerischen Alltag soll es dabei gehen. Denn bei aller Unternehmenskultur: Der Kostendruck in der Wirtschaft ist brutal. Kaum 6,50 Euro bekommt manch gering qualifizierter Arbeiter in Pauls Firma pro Stunde, Facharbeiter ab 7,50 Euro. So haben es christliche Mini-Gewerkschaften und mittelständische Zeitarbeitsfirmen vereinbart.
»Diese Tarife sind alles andere als christlich«, sagt der ostsächsische DGBVorsitzende Bernhard Sonntag und verweist auf die höheren Löhne, die seine Gewerkschaft mit großen Firmen der Branche ausgehandelt hat. »Lohndumping «, schimpft auch der Gewerkschafter Stephan Ullrich. Er betreut die Mitarbeiter des Riesaer Seifenherstellers Kappus, bei dem Zeitarbeiter von Pauls Firma IC Team Waren verpacken. Aber er räumt ein: »Wenn es die Leiharbeiter nicht gäbe, würde diese Arbeit wahrscheinlich ins Ausland verlagert werden.« Oder Maschinen würden sie übernehmen. Das ist das Dilemma.
Eine Familie aber lässt sich von 6,50 Euro Stundenlohn nicht ernähren. Das weiß der vierfache Vater Enrico Paul, der selbst einmal Leiharbeiter war, auch. Und es bekümmert ihn. Doch sieht er, wie viele Menschen in einer wirtschaftlich schwachen Region wie Ostsachsen vergebens auf Arbeit hoffen. »Und die Zeitarbeit ist gerade für gering qualifizierte und ältere Arbeitnehmer eine Chance.« Oft die einzige.
Auch deshalb ist Enrico Paul mit der 1991 in Bayern gegründeten Firma zurück in seine Oberlausitzer Heimat gegangen. Und verdient nicht zuletzt daran. »Im Kapitalismus dürfen wir nicht sozialromantisch denken«, sagt er. Ein Lebenssinn aber, das sei Gewinnmaximierung seinem Einkommen gibt er den Zehnten für christliche Gemeinden, Projekte und eine Schule. »Und mitunter kommt dann ein ganz unerwarteter Segen zurück.« Doch noch ist die Welt nicht erlöst. Manche Widersprüche bleiben.

 

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