Wie geht’s weiter für die Leiharbeiter?

Überdurchschnittliche viele Jobs im Landkreis hängen an der Zeitarbeit. Neue Regeln sollen den Missbrauch eindämmen

erschienen in: Sächsische Zeitung vom 21. Mai 2016
von Sebastian Kositz

Gleiche Arbeit, selbes Fließband – Unterschiede gibt es nur auf dem Gehaltsscheck. Seit Jahren setzt ein Teil der Wirtschaft im Landkreis Bautzen auf Leiharbeit und das deutlich stärker als in anderen Ecken der Republik. Von teilweisem Missbrauch ist die Rede, den die Große Koalition in Berlin jetzt eindämmen will. CDU und SPD haben sich auf verschärftere Spielregeln geeinigt. Gleicher Lohn nach spätestens neun Monaten und: Ein Leiharbeiter darf höchstens 18 Monate einem Betrieb überlassen werden, dann muss er fest eingestellt werden, lautet die Kernbotschaft. Doch welche Folgen hat das für die Region?

Im deutschlandweiten Vergleich hängen überdurchschnittliche viele Jobs im Kreis Bautzen an der Leiharbeit. Fünf Prozent der 110 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten werden von Zeitarbeitsfirmen an Betriebe verliehen. Die Quote ist doppelt so hoch wie im Bundesgebiet.

Auffällig ist zugleich das innere Gefälle im Landkreis – allen voran zwischen dem Dresdner Speckgürtel und dem Gebiet um Bautzen. Von den knapp 6 000 Leiharbeitern sind 4 200 allein im Bereich der Geschäftsstelle Bautzen gemeldet. Ganz anderes ist das Bild im Raum Radeberg: Dort sind nur 320 Leiharbeiter beschäftigt.

Ein großer Teil der Leiharbeiter ist in der Metallbranche tätig. Allein in und um Bautzen sind das 1 500 Menschen – wenngleich die Zahl sehr durch die vielen Leiharbeiter bei Bombardier beeinflusst wird, wie Jan Otto von der IG Metall Ostsachsen sagt. Für ihn steht aber fest: „Es gehört zur Wahrheit, dass es vielerorts nicht nur ums Abfangen von Produktionsspitzen geht.“

Bessere Bedingungen schaffen

Der Gewerkschaftsvertreter begrüßt daher den Gesetzentwurf der Bundesregierung. „Vieles richtet sich ja nach dem, was wir bereits als Gewerkschaft für die Metallbranche bereits mit den Arbeitgebern vereinbart hatten“, sagt Jan Otto. Das neue Gesetz geht ihm aber noch nicht weit genug. „Wir wollen die Leiharbeit nicht gänzlich abschaffen, sie aber weiter eindämmen und noch bessere Bedingungen für die Arbeitnehmer erreichen“, erklärt Jan Otto.

Inwieweit sich die Änderungen auf den Arbeitsmarkt in der Region auswirken werden, lässt sich für die Gewerkschaft noch nicht richtig abschätzen. Matthias Klemm vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) erwartet in jedem Fall ein Lohnplus bei den Betroffenen. Unklar ist, welche Folgen die 18-Monate-Frist in der Praxis hat. So könnten kurz vor deren Ablauf die Firmen Leiharbeiter vor die Tür setzen. Anderseits würden Unternehmen so eingearbeitete Mitarbeiter verlieren, argumentiert Jan Otto.

Fakt ist: Schon jetzt büßt die Leiharbeit im Kreis Bautzen an Bedeutung ein – auch ohne das Zutun aus Berlin. Im vergangenen Jahr begannen knapp 1 700 Menschen eine Tätigkeit über eine Zeitarbeitsfirma, im Jahr zuvor waren es noch mehr als 2 000. Eine Entwicklung, für die Jeanette Schneider von der Industrie- und Handelskammer im Landkreis Bautzen eine einfache Erklärung hat: Weil es immer schwieriger wird, in einzelnen Bereichen geeignete Fachkräfte zu finden, stellen die Firmen den Mitarbeiter gleich fest ein, glaubt die Expertin.

Am Markt flexibel sein

Zugleich ist Zeitarbeit aber auch längst keine „billige Möglichkeit“, Lohnkosten zu sparen, wie Enrico Paul, Chef der in Bautzen ansässigen und deutschlandweit tätigen Zeitarbeitsfirma IC Team erklärt. Der Geschäftsführer warnt vor pauschalen Verurteilungen. Die Zeitarbeit sei auch für den Mitarbeiter eine gleichwertige Alternative zur Festanstellung. „Dies beweisen unsere alle zwei Jahre durchgeführten Mitarbeiterbefragungen“, sagt Enrico Paul. Für die Kunden des IC Teams gehe es darum, am Markt flexibel zu sein. „Wir können durch die Umsetzung der Mitarbeiter von einem Kunden mit Auftragsloch zu einem Betrieb mit Auftragsüberhang nicht nur die Arbeitsplätze von Mitarbeitern sichern, sondern auch den Kundenbetrieb kurzfristig kostenmäßig entlasten und dadurch auch dessen eigene Belegschaft absichern. Das wird in der ganzen Diskussion schnell vergessen“, so der IC-Team-Geschäftsführer.

Vor diesem Hintergrund warnt Enrico Paul auch vor weiteren Einschränkungen oder der Abschaffung des Modells. „Das würde klar mehrere Hunderttausend Arbeitsplätze in Deutschland kosten“, sagt Enrico Paul. Mit einer Prognose über die Leiharbeit in der Region und somit über die eigene Geschäftstätigkeit tut er sich jedoch ebenso schwer: „Das ist vor allem davon abhängig, wie sicher und stabil die Auftragslage des Kunden zum Eintritt der geplanten gesetzlichen Regelungen sein wird.“

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