Steffen Wünsche aus Löbau ist Zeitarbeiter beim IC Team in Bautzen. Foto: Berger

Ausgeliehen zum Arbeiten

erschienen in: Sächsische Zeitung vom 26. September 2012

Steffen Wünsche ist seit zwei Jahren zufriedener Zeitarbeiter - aber eine Sorge bleibt.

von Tilo Berger

Ich war schon skeptisch.“ Steffen Wünsche ist einer, der nicht lange um den heißen Brei herumredet. Warum sollte er auch nicht sagen, dass er Zeitarbeit damals mit gewissen Vorbehalten sah? „Das sehen doch viele so “, weiß Gerhard Ullrich Keller, Bereichsleiter beim Personaldienstleister IC Team in Bautzen.

Steffen Wünsches Skepsis ist längst gewichen. „Wenn mich heute einer fragt, ob ich Zeitarbeit empfehlen kann – ja, kann ich, auf jeden Fall.“ In seinem Fall half ein Artikel in der SZ. Der Löbauer war gerade arbeitslos. In der Sächsischen Zeitung las er etwas über das IC Team. Darüber, dass das Unternehmen Leute an andere Firmen ausleiht. Firmen, die gerade einen Großauftrag abarbeiten und zusätzliche Leute brauchen. Oder auch Firmen, die sich lieber Mitarbeiter leihen, als selbst welche einzustellen und bei schlechter Auftragslage dann wieder mühsam entlassen zu müssen.

Schnell zum Arbeitsvertrag

Kurz entschlossen griff Steffen Wünsche zum Telefon. Fragen kostet nichts, dachte sich der arbeitslose Familienvater. Die Antwort am Telefon überraschte ihn: Gleich für den nächsten Tag luden ihn die Bautzener zu einem Vorstellungsgespräch ein. „Das war an einem Freitag“, erinnert sich der heute 43-Jährige, als wäre es gestern gewesen. Ein ausgebildeter Bau- und Möbeltischler war genau das, was der Personaldienstleister für einen seiner Kunden brauchte.

In der Woche darauf – fast auf den Tag genau heute vor zwei Jahren – bekam Steffen Wünsche seinen Arbeitsvertrag. Nicht von der Firma, zu der er jetzt jeden Tag fährt, sondern vom IC Team. Das ihn nach Tarif bezahlt, um die acht Euro pro Stunde, so vereinbart zwischen dem Bundesverband Zeitarbeit und dem Deutschen Gewerkschaftsbund. Dass es für die Zeitarbeit kein Tarifwerk gibt, gehört zu den gängigen Vorurteilen über die Branche. Steffen Wünsche weiß es jetzt besser.

In Sohland (Spree) ist er im Bekleidungsbau tätig. So sagen die Fachleute zu seiner Arbeit. Er übersetzt Bekleidung so: Lüftungskanäle für Schienenfahrzeuge. Da kommt es auf Genauigkeit an, Feinarbeit ist gefragt – genau das gefällt dem Löbauer. In der Sohlander Produktionsstätte der Wilthener Firma Lakowa ist der 43-jährige Tischler einer von etwa 20 Leiharbeitern des IC Teams. Die Leiharbeiter wurden gut aufgenommen, berichtet er. Probleme zwischen ihnen und den Angestellten des Unternehmens gebe es nicht. Gearbeitet wird montags bis freitags in Normalschicht, bei Auftragsspitzen auch mal sonnabends. „Kein Problem“, sagt der Mann mit dem Schnauzbart.

Und wenn er mal weiter fahren müsste? Schließlich bedient das Bautzener Unternehmen mit seinen mehr als 820 Mitarbeitern nicht nur Kunden in der Region, sondern bis nach Berlin, Nordbayern und Thüringen. Meist aber auch mit Leuten von dort. Selbst in Finnland, Österreich, Russland, China und Malaysia waren schon IC-Team-Leute im Einsatz.

„Tja“, wiegt Steffen Wünsche den Kopf, „mal viel weiter weg, das wäre schon nicht so toll.“ Aber die Einsatzorte ließen sich schließlich vorher vereinbaren. Als sein Einsatzbetrieb in Sohland mal eine kurze Auftragsflaute überstehen musste, blieb Steffen Wünsche ein paar Tage zu Hause. Seine Anstellung verlor er dadurch nicht – er konnte angesparte Stunden aus seinem Arbeitszeitkonto abfeiern. Sein Arbeitgeber schickte ihn während der Zwangspause in Sohland auch nicht gleich woanders hin. Die Familie hat ein Reihenhaus in Löbau, Steffen Wünsches Geburtsstadt. Der Sohn ist sieben – da will der Familienvater möglichst in der Nähe bleiben.

Auch deshalb zogen die bodenständigen Oberlausitzer nicht weg, als es hier mit Arbeit schlecht aussah. Und das war so seit 1990, als Steffen Wünsche seine Arbeit in einem Handwerksbetrieb verlor.

Es folgte ein Auf und Ab, wie es viele Oberlausitzer kennen: erst eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, dann mal eine längere, mal eine kürzere Anstellung bei einer Firma, zwischendurch Ein-Euro-Jobs, wieder eine Anstellung, mal befristet, mal unbefristet, und auch immer mal eine Zeit lang ohne Job. Zeiten, an die er nicht so gern zurückdenkt. Steffen Wünsche arbeitet lieber. Der gelernte Tischler montierte Fenster, verdingte sich als Hausmeister, war „Junge für alles“ in einem Verein, schippte Schnee im Winterdienst, verschraubte Bauteile, lernte mit Beton zu arbeiten.

Zeitarbeit? Jederzeit wieder!

Mal fuhr er zur Arbeit nach Bautzen, mal nach Cunewalde, mal blieb er in Löbau. „Es musste ja immer irgendwie weitergehen“, sagt der 43-Jährige. „Zu Hause sitzen und warten, ist nichts für mich.“ Mit jeder Arbeit kamen aber auch wieder neue Erfahrungen und Fähigkeiten dazu. Teile montieren und mit Kunststoff arbeiten – das zu können, hilft ihm jetzt weiter.

Beim IC Team hat er einen unbefristeten Arbeitsvertrag in der Tasche, noch dazu in seinem erlernten Beruf – eine Seltenheit, wenn er auf die Zeit vor 2010 zurückblickt. Schon deshalb würde Steffen Wünsche den Schritt in die Zeitarbeit wieder gehen. Ein Schritt, der für andere schon mit einer Festanstellung im Einsatzbetrieb endete. Was die verleihenden Unternehmen allerdings nicht so gern sehen, schließlich verlieren sie so gute Leute.

Am Donnerstag: Was verdient man wo – und welche Jobs werden am besten bezahlt?

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